Zum Start der Kältehilfesaison:

Was die Berliner Wohnungsnotfallhilfe jetzt braucht

30.09.2026

Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür, damit beginnt auch die diesjährige Kältehilfesaison. In Berlin startet diese offiziell am 1. Oktober 2026. In den besonders kalten Monaten von November bis März werden wieder ca. 1000 Plätze zur Verfügung stehen. Die Kältehilfe ist jedoch nur ein wichtiger Baustein der Wohnungsnotfallhilfe. Die zentrale sozialpolitische Herausforderung bleibt die Wohnungslosigkeit, die nicht selten mit weiteren Problemlagen verbunden ist. Darüber sowie über die sozialpädagogische Beratung und Unterstützung für Menschen mit Suchterkrankungen informierten heute Vertreter*innen der LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Berlin (LIGA Berlin), die geschäftsführende Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, Cansel Kiziltepe, und Vertreter*innen der sozialen Träger milaa gGmbH bzw. des Kooperationspartners vista gGmbH im Rahmen einer Pressekonferenz in der Berliner ASOG (Sicherheits- und Ordnungsgesetz) Einrichtung „Panorama an der See“.

Oliver Bürgel, Federführer der LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Berlin und Geschäftsführer des AWO Landesverbandes Berlin:
„Die Berliner Kältehilfe ist unverzichtbar, sie schützt Menschen vor Kälte und rettet im Zweifel Leben, aber sie löst Wohnungslosigkeit nicht. Nach der Wahl muss Berlin deshalb den nächsten Schritt gehen: weg von der Verwaltung von Wohnungslosigkeit, hin zu ihrer konsequenten Verhinderung. Dazu gehören starke Prävention, verlässliche Übergänge in eigenen Wohnraum und eine ressortübergreifende Gesamtstrategie. Ein konkreter Anfang wäre, Familien mit Kindern besonders zu schützen: Kein minderjähriges Kind sollte in Berlin durch eine Räumung wohnungslos werden! Die Kältehilfe bleibt ein wichtiger Baustein, erfolgreich sind wir aber erst, wenn immer weniger Menschen sie brauchen.“

Cansel Kiziltepe, geschäftsführende Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung:
„Die Berliner Kältehilfe ist ein Schutzversprechen: Niemand soll in Berlin im Winter auf der Straße erfrieren. Dafür brauchen wir genügend Notübernachtungsplätze. Die Kältehilfe funktioniert nur durch das Zusammenwirken vieler Akteure. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Träger, die vielen Ehrenamtlichen, die Bezirksämter, die Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbände und Initiativen sowie die LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege – Ihnen allen danke ich ausdrücklich. Der vergangene Winter hat gezeigt, wie gut diese Zusammenarbeit funktioniert – gerade dann, wenn es in unserer Stadt besonders kalt wird.“

Dr. Ursula Schoen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz:
„Wer wie so viele mit einer Crack- oder Heroinsucht auf der Straße lebt, braucht viel mehr als einen Schlafplatz. Nur mit einem funktionierenden System aus Unterbringung, niedrigschwelliger Suchtberatung und weiterführenden Hilfen können wir echte Chancen eröffnen. In der kalten Jahreszeit zeigt sich besonders deutlich, wie lebenswichtig solche Angebote sind. Aber sie werden an 365 Tagen im Jahr gebraucht. Die neue Koalition muss in Berlin diese Versorgungs- und Beratungsstrukturen dauerhaft absichern und die Schnittstellen zwischen den Angeboten gezielt stärken. Für eine Hilfe, die komplexe Problemlagen löst und nachhaltig wirkt.“

Prof. Dr. Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin: 
„Obdachlose Menschen von Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen zu verdrängen, löst ihre Probleme nicht, sondern nimmt ihnen wichtige Rückzugsorte und die Chance auf Unterstützung. Am Ostbahnhof erleben wir derzeit, dass Verdrängung weder Perspektiven schafft noch Not lindert. Im Gegenteil: Wenn Menschen sich nicht mehr am Bahnhof aufhalten dürfen, sind sie schwerer für Streetworker erreichbar und das macht die Situation für die Betroffenen oft noch schwieriger. Berlin braucht keine Politik des Wegschauens, sondern neue, machbare Strategien gegen Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Eine soziale Stadt zeigt sich nicht darin, die Ärmsten der Armen aus dem Blickfeld zu verdrängen, sondern darin, Menschen wirksam zu unterstützen und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen.“

Mario Czaja, Präsident des Berliner Roten Kreuzes:
„Die vergangene Saison hat gezeigt, wie groß der Hilfebedarf ist. Wir stellen uns darauf ein, dass unser Wärmebus in diesem Winter noch häufiger gebraucht werden könnte, und bereiten uns auf mehr Hilfseinsätze vor. Gleichzeitig sind wir auf die Berlinerinnen und Berliner angewiesen, denn unsere Teams können nicht überall gleichzeitig sein. Deshalb mein Appell: Bitte schauen Sie nicht weg. Sprechen Sie Menschen an, wenn Sie den Eindruck haben, dass sie Hilfe benötigen, und fragen Sie, ob sie Unterstützung wünschen. Rufen Sie dann unseren Wärmebus. Ein Anruf kann Leben retten.“

Martin Hoyer, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin:
„Zehntausende Menschen, zunehmend auch Familien, leben jahrelang unter oft menschenunwürdigen Bedingungen in ASOG-Unterkünften. Diese teure Unterbringung beendet Wohnungslosigkeit nicht. Um den Weg in gesicherten Wohnraum oder geeignete betreute Wohnformen zu ermöglichen, braucht es mehr Sozialberatung und Betreuung vor Ort. Projekte wie das der vista gGmbH zeigen, dass Perspektiven eröffnet werden können. Wir fordern, alle Betreiber von ASOG-Unterkünften zu verpflichten, Sozialberatung direkt vor Ort anzubieten. Denn eine Unterkunft ohne Perspektive und soziale Betreuung ist keine Hilfe, sondern eine Sackgasse.“

Hintergrund

Wohnungslosigkeit in Berlin
Laut offiziellen Angaben der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung lebten am 31. Januar 2026 in Berlin 57.575 untergebrachte wohnungslose Menschen (Wohnheime, Trägerwohnungen, Notübernachtungen und weitere Angebote der Wohnungsnotfallhilfe). Darunter sind 16.095 Menschen, die bereits zwei Jahre oder länger untergebracht sind. Bei 22.235 Untergebrachten handelt es sich um Ein-Personen-Haushalten. 17.540 der Untergebrachten sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Zusätzlich weisen die letzten Schätzungen vom Februar 2024 aus, dass 2.364 Menschen verdeckt wohnungslos sind und vorübergehend bei Angehörigen oder Freund*innen unterkommen. 6.032 Menschen leben gänzlich ohne Unterkunft, sprich auf der Straße oder in Behelfsunterkünften. Neue Zahlen hierzu werden voraussichtlich Ende 2026 veröffentlicht.

Nach der Bedarfsprognose der Senatsverwaltung vom Mai 2024 wird das Unterbringungssystem in Berlin im Jahr 2028 rund 100.800 Plätze benötigen.

Kältehilfe in Berlin
Die Berliner Kältehilfesaison beginnt in der Regel am 1. Oktober und läuft bis zum 30. April des Folgejahres, wobei in besonders kalten Wintermonaten zusätzliche Plätze und niedrigschwellige Angebote bereitgestellt werden. In der kommenden Saison werden von November 2026 bis März 2027 980 Plätze gesichert zur Verfügung stehen, davon 407 Notübernachtung Kältehilfe, 458 ganzjährige Notübernachtung und 65 Nachtcafés. Im Oktober 2026 stehen insgesamt 669 und im April 2027 834 Plätze zur Verfügung.

LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege
In der LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege haben sich in Berlin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Landesverband Berlin (Federführung 2025/2026), die Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der Caritasverband für das Erzbistum Berlin, der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin, der DRK Landesverband Berliner Rotes Kreuz sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin zusammengeschlossen. In den sozialen Einrichtungen, Diensten und Projekten der LIGA sind in Berlin rund 107.000 hauptamtliche und etwa 53.000 ehrenamtliche Mitarbeitende tätig. Rund 150.000 Menschen sind zusätzlich persönliche Mitglieder in den Verbänden der LIGA Berlin, die wiederum ca. 1.200 Initiativen und Träger vertreten.

Kontakt

Markus Galle
LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Berlin (LIGA Berlin)
über
AWO Landesverband Berlin e.V.
Hallesches Ufer 30 A, Innenhof
10963 Berlin
Telefon: 030 25 389 252
Mobil: 0151 15 46 27 01
E-Mail: markus.galle@awoberlin.de

Ihr Ansprechpartner bei der Diakonie

Sebastian Peters

Leiter Politik und Kommunikation Pressesprecher

030 82097110 0173 6033322

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