Retter des Sozialstaats?
Ehrenamt in Berlin
27.01.2026
Am 27. Januar 2026 diskutierten im Rahmen der Diakonie-Reihe „Zukunft Berlin | Der Bürger:nnen-Talk“ politische Entscheidungsträger:innen, Fachleute und engagierte Berliner:innen über die Rolle des Ehrenamts in unserer Stadtgesellschaft. Die Veranstaltung im Festsaal der Berliner Stadtmission war Teil der sozialpolitischen Dialogreihe, die bis zu den Berliner Abgeordnetenhaus- und Bezirkswahlen 2026 zentrale Fragen der sozialen Zukunft Berlins aufgreift und und nach konkreten Lösungen sucht.
Über 70 Gäste folgten der Diskussion unter dem Titel „Retter des Sozialstaats?“ – ein Blick auf die Bedeutung des Ehrenamts angesichts knapper öffentlicher Ressourcen und wachsender sozialer Herausforderungen. Auf dem Podium diskutierten Bettina Jarasch (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus), Raed Saleh (Fraktionsvorsitzende der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus), Pierre Du Bois (Head of Communications bei Kleinanzeigen) sowie Dr. Christian Ceconi (Vorstand der Berliner Stadtmission). Darüber hinaus gab es noch einen besonderen Platz für politische Vertreter:innen, die nicht auf dem Panel saßen. Hier war für die Linksfraktion Elke Breitenbach vor Ort.
Im Mittelpunkt standen vier Themen: der Wert des Ehrenamts, die Frage, was Ehrenamt kann, soll und darf im Sozialstaat, der Zugang und Strukturwandel im Ehrenamt sowie konkrete Schritte zur Wertschätzung des freiwilligen Engagements.
Starke Zustimmung erhielt gleich zu Beginn die klare Feststellung von Pierre Du Bois: „Es ist ein Armutszeugnis, dass die Kältehilfe nur über Ehrenamtliche funktioniert.“ Damit machte er nicht nur auf strukturelle Defizite in der sozialen Versorgung aufmerksam, sondern hob zugleich die zentrale Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements hervor.
Dr. Christian Ceconi betonte den Erfolg sozialpolitischer Lobbyarbeit: Die Ehrenamtskoordination in der Wohnungslosenhilfe, die im Haushaltsentwurf zunächst gestrichen werden sollte, konnte im aktuellen Doppelhaushalt als eigener Titel gesichert werden. Er stellte fest, dass die Stadtmission viel Geld aus eigenen Mitteln ausgibt, um gute Bedingungen für das Ehrenamt zu schaffen und dass er sich freuen würde, wenn diese Mittel vom Senat 1-zu-1 gematcht würden - gerne auch für andere Organisationen.
Aus politischer Perspektive unterstrich Raed Saleh, dass vieles von dem, was im Bereich Soziales und Ehrenamt in der vorherigen Legislatur im rot-rot-grünen Senat auf den Weg gebracht wurde, nun durch die SPD im Austausch mit dem aktuellen Koalitionspartner, der CDU, verteidigt worden sei. So sei es nicht zu einem „sozialen Kahlschlag“ gekommen. Konkret schlug er einen großen überparteilichen Diskurs für eine echte Ehrenamtsstrategie vor.
Für die Bürger:innen waren unter anderem neben guter Ausbildung und Begleitung gegen psychische und physische Überforderung insbesondere der gut organisierte Zugang zum Ehrenamt, die Anerkennung der Ehrenamtskarte für gemeinnützige Träger und die Wertschätzung freiwilligen Engagements zentral.
Bettina Jarasch forderte, dass Kosten für Ehrenamtskoordination als legitime Overheadkosten anerkannt werden müssten, damit Träger nicht gezwungen sind, diese Kosten zugunsten anderer notwendiger Aufgaben zu kürzen.
Auch Elke Breitenbach (Sozialsenatorin 2016 bis 2021) hob die notwendige Refinanzierung von hauptamtlicher Koordination für Ehrenamtliche hervor und forderte die Wirtschaft auf, das Berliner Bildungszeitgesetz für die Vorbereitung auf ehrenamtliche Tätigkeiten in der Arbeitnehmer:innenschaft populärer zu machen.
Klar wurde: Wertschätzung allein reicht nicht. Es braucht politische Entscheidungen, die Engagement auf Dauer stabil den Rücken stärken. Wir bleiben dran und verfolgen die vorgebrachten Lösungen weiter bis in die Koalitionsverhandlungen im September.
Zukunft Berlin. Der Podcast
Folgen Sie unserem Podcast auf allen gängigen Plattformen nach. Die ersten drei Folgen sind ab jetzt online.
Darüber hinaus laden wir Sie gern zu unserer kommenden Veranstaltung ein.
Zukunft Berlin | Der Bürger:innen-Talk „Stadt bilden – Wirtschaft stärken | Integration in Berlin“
Am 17. Februar 2026 18:00 Uhr im Diakoniewerk Simeon (Morusstraße 18A, 12053 Berlin-Neukölln)
Diskutieren Sie mit:
- Marcel Hopp (SPD, Sprecher für Bildung, Wissenschaft und Forschung, WK in Neukölln)
- Katharina Senge (CDU, Sprecherin für Integration)
- Antonia Petersen (Arbeitsmarktpolitik, Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg)
- Dr. Oliver Unglaube, Geschäftsführer Diakoniewerk Simeon
Moderation: Lorenz Maroldt, Herausgeber Der Tagesspiegel
Ihr Ansprechpartner
Sebastian Peters
Leiter Politik und Kommunikation Pressesprecher
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