Frauen sitzen in einem Stuhlkreis und diskutieren.
DWBO/Nils Bornemann
Selbstbestimmung in Berlin und Brandenburg:

Lücken in Beratung und Gewaltschutz für Frauen jetzt schließen

08.03.2026

  • © DWBO/M. Kindler

    »Berlin und Brandenburg können und müssen verlässliche Strukturen schaffen, damit Frauen und ihre Kinder jederzeit Zugang zu Schutz und Hilfe haben – unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsstatus, Identität oder sozialer Lage.«

    Dr. Ursula Schoen Diakonie-Direktorin

Zum internationalen Frauentag stellt die Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz fest: die Schwangerschaftskonfliktberatung in Brandenburg und Gewaltschutzstrukturen in beiden Bundesländern müssen sozialpolitisch abgesichert werden. Unterfinanzierung, zu wenige Angebote und regionale Ungleichheiten schränken die Selbstbestimmung und den Schutz vor körperlicher und seelischer Unversehrtheit von Frauen ein. Besonders betroffen: Alleinerziehende Frauen, Frauen in prekären Lebenslagen und gewaltbetroffene Frauen.

Diakonie-Direktorin Dr. Ursula Schoen: „Selbstbestimmung und Schutz vor Gewalt dürfen nicht von Wohnort oder Einkommen abhängen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass unserer modernen Gesellschaft der politische Willen fehlt, alle bedrohten Frauen und Mädchen effektiv zu schützen und deren körperliche Selbstbestimmung zu gewährleisten.“

In Brandenburg arbeiten die Schwangerschaftskonfliktberatungen seit Jahren an der Belastungsgrenze. 2025 wurde erstmals die ohnehin sehr geringe gesetzlich vorgeschriebene Mindestquote unterschritten: weniger als eine Vollzeitkraft pro 40.000 Einwohner:innen. Die Fördermittel des Landes reichen nicht aus zur Deckung tarifgerechter Personalkosten und Trägergemeinkosten, mehrere Standorte sehen ihre Existenz gefährdet. 2023 wurden landesweit 5.377 Konfliktberatungen durchgeführt, dazu 7.460 allgemeine Schwangerschaftsberatungen, 4.891 Beratungen zu Familienplanung und sozialrechtlichen Fragen sowie 844 Sexualberatungen und sexualpädagogische Angebote. 2024 wurden in Brandenburg 3.240 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet. Die überwiegende Mehrheit der Ratsuchenden sind Frauen im ländlichen Raum und vulnerable Gruppen: Alleinerziehende, Frauen in Armutslagen oder nach Gewalterfahrungen.

Diakonie-Direktorin Dr. Ursula Schoen: „Versorgungslücken treffen zuerst jene Frauen, die ohnehin kaum gesehen werden. Die Schwangerschaftskonfliktberatung ist eine der wenigen Strukturen, in denen die körperliche und seelische Gesundheit in Bezug auf Sexualität und Fortpflanzung und Gewaltschutz unmittelbar ineinandergreifen. Wir vertrauen darauf, dass die neue Landesregierung in Brandenburg die gesetzliche Grundversorgung sichern wird. Es braucht die Anerkennung tariflicher Personalkosten, kostendeckender Förderpauschalen und den Erhalt wohnortnaher Angebote, insbesondere in ländlichen Regionen, in denen Frauen bereits heute teils lange Wege zurücklegen müssen.“

Im Gesamtgebiet Berlin-Brandenburg verschärft sich gleichzeitig der Handlungsdruck im Gewaltschutz: In Brandenburg dokumentierte das LKA 2024 insgesamt 6.790 Fälle häuslicher Gewalt, 4.924 Frauen waren betroffen. Im Verhältnis dazu fanden nur 410 Frauen und 449 Kinder Schutz in Frauenhäusern. In Berlin registrierte die Berliner Polizei 2024 19.213 Fälle von Gewalt in Partnerschaft und Familie. Weniger als zehn Prozent aller Gewalttaten werden angezeigt; bei Partnerschaftsgewalt unter fünf Prozent. 90 Prozent aller Alleinerziehenden in Berlin sind Frauen und haben ein erhöhtes Armutsrisiko, was den Zugang zu Schutz und Beratung zusätzlich erschwert.

Diakonie-Direktorin Dr. Ursula Schoen: “Die aktuellen Zahlen zeigen: Gewalt gegen Frauen ist keine Randerscheinung – sie ist Alltag. Unsere Mitgliedsorganisationen bieten Beratung und Schutzräume für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Doch dass so wenige Gewalttaten überhaupt angezeigt werden, ist ein Alarmsignal. Wir dürfen das nicht hinnehmen, sondern müssen besser hinschauen, Gewalt früher erkennen und Betroffene konsequent schützen – mit mehr Präventionsangeboten, niedrigschwelliger Beratung und ausreichend Schutzplätzen. Das 2025 in Kraft getretene Gewalthilfegesetz schafft ab 2032 einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder und stellt damit wichtige Weichen. Jetzt gilt es, gemeinsam an der Landesumsetzung zu arbeiten und ein bedarfsgerechtes, flächendeckendes und langfristig gesichertes Hilfesystem aufzubauen. Gewaltschutz ist ein Menschenrecht. Berlin und Brandenburg können und müssen verlässliche Strukturen schaffen, damit Frauen und ihre Kinder jederzeit Zugang zu Schutz und Hilfe haben – unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsstatus, Identität oder sozialer Lage.”

Hintergrund Schwangerschaftskonfliktberatung
Die Schwangerschafts(konflikt)beratung der Diakonie bietet vertrauliche, ergebnisoffene Beratung für Menschen aller Geschlechter rund um ungewollte Schwangerschaften, psychosoziale Begleitung, Familienplanungs- und Sozialberatung sowie Sexualpädagogik. Sie ist Teil der gesetzlichen Daseinsvorsorge und erfüllt einen staatlichen Sicherstellungsauftrag. In Berlin gibt es insgesamt 22 Schwangerschafts(konflikt)beratungsstellen (98,64 VZÄ), davon 7 diakonische mit 21,7 VZÄ, was etwa 22 % der Gesamtversorgung entspricht. In Brandenburg gibt es insgesamt 51 Schwangerschafts(konflikt)beratungsstellen (63,69 VZÄ), davon 9 diakonische mit 8,05 VZÄ – etwa 12,5 % der Gesamtversorgung.

Hintergrund Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ist ein Verband der Freien Wohlfahrtspflege. Als Dach- und Spitzenverband vertritt das Werk ca. 380 Träger mit 1.900 Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsdiensten in Berlin, Brandenburg und Ostsachsen. Gemeinsam mit ca. 52.000 Mitarbeitenden engagiert sich das Diakonische Werk für Teilhabe und Vielfalt und setzt sich im Sinne der Nächstenliebe auf landes- und kommunalpolitischer Ebene für benachteiligte und ausgegrenzte Menschen ein.

Pressekontakt

Sebastian Peters

Leiter Politik und Kommunikation Pressesprecher

030 82097110 0173 6033322

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