© Diakonie/Francesco Ciccolella

Integration auf dem Rückzug

Diakonie beobachtet Erosion der Beratungs- und Unterstützungsangebote in Berlin und Brandenburg

Anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni beobachtet die Diakonie einen fortschreitenden Abbau von Beratungs- und Unterstützungsstrukturen für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte in Berlin und Brandenburg. Auslaufende Finanzierungen, wegfallende Kofinanzierungen, unsichere Perspektiven zentraler Beratungsangebote und europäische Neuregelungen verändern die Integrationslandschaft grundlegend. Für eine stabile Gesellschaft und Volkswirtschaft müssen die Bundesländer jetzt handeln.

„Wir erleben derzeit eine schleichende Erosion jener Strukturen, die Integration in Berlin und Brandenburg überhaupt erst möglich machen“, beobachtet Diakonie-Direktorin Dr. Ursula Schoen. „Wenn wir diese Strukturen schwächen, reduzieren wir Integration immer stärker auf kurzfristige Krisenintervention. Dabei brauchen Menschen gerade in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft verlässliche Orientierung, Beratung und Begleitung.“ Besonders betroffen sind Angebote, die Menschen frühzeitig unterstützen und Zugänge zu Sprache, gesellschaftlicher Teilhabe, Bildung und Arbeit eröffnen.

Die im Berliner Haushalt 2026/2027 geplante Kofinanzierung für die bundesgeförderte Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) sowie die Asylverfahrensberatung (AVB) wird aktuell nicht umgesetzt. Für die Träger verschärft das die Situation erheblich: Steigende Personal- und Sachkosten müssen bereits heute teilweise mit bis zu 30 Prozent aus Eigenmitteln getragen werden. In Brandenburg fehlt eine gesicherte Finanzierungsperspektive für die Migrationssozialarbeit (MSA) ab dem Jahr 2027. Die MSA übernimmt eine zentrale Brückenfunktion für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte: Sie unterstützt bei Orientierung und Ankommen sowie beim Zugang zu Integrationskursen, Bildungsangeboten und weiteren gesellschaftlichen Teilhabestrukturen. Gleichzeitig wird es für Träger immer schwieriger, die nötigen Eigenmittel aufzubringen, weil in den Landkreisen Finanzierungen wegfallen. Mit dem Wegfall der Beratungsstelle der Landesintegrationsbeauftragten gehen zentrale Koordinierungs- und Vernetzungsstrukturen verloren, ohne dass tragfähige Anschlussstrukturen geschaffen worden sind. Einzelne Einrichtungen werden die Migrationssozialarbeit unter diesen Bedingungen voraussichtlich nicht fortführen können.

„Gerade die Migrationssozialarbeit schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen sich orientieren, Angebote erreichen und langfristig selbstständig am gesellschaftlichen Leben teilhaben können“, sagt Diakonie-Direktorin Dr. Ursula Schoen. „Ohne diese Brückenstrukturen entstehen Verzögerungen und Belastungen, die sich später mit hohen Folgekosten in vielen Bereichen der sozialen Regelsysteme auswirken. Daher wäre es gesellschaftlich und volkswirtschaftlich klug, wenn Berlin und Brandenburg die Integrationsbegleitung sicherstellen und Beratungsangebote langfristig absichern.“

Die Umsetzung des anstehenden Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) kann zu weiteren Belastungen für Schutzsuchende führen: Die erste Entscheidung über den Schutzstatus Asylsuchender und den Zugang zum Asylverfahren wird nun im Grenzverfahren stärker an die Grenzpolizei vorverlagert - ohne eine strukturell abgesicherte unabhängige Beratungsinfrastruktur. „Europäische Vorgaben können nur dann wirksam und menschenrechtskonform umgesetzt werden, wenn unabhängige Beratung stabil finanziert und frühzeitig eingebunden ist. Entscheidend ist, dass die Länder Berlin und Brandenburg ihre Handlungsspielräume konsequent zu nutzen. Damit Menschen jederzeit Zugang zu Information, Beratung und Orientierung haben, unabhängig vom Stand ihres Asylverfahrens.“, sagt Diakonie-Direktorin Dr. Ursula Schoen.

Im Rahmen des Weltflüchtlingstages zeichnet die Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz das Memorandum „Es geht auch anders! Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt“ anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Genfer Flüchtlingskonvention mit, das die Diakonie Deutschland am 20. Juni 2026 gemeinsam mit weiteren Wohlfahrtsverbänden und Nichtregierungsorganisationen veröffentlicht.

Die Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vertritt insgesamt 16 Träger mit Migrationsberatungs- und Unterstützungsangeboten für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Dazu zählen neun Träger mit Angeboten der Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE), davon fünf in Berlin und vier in Brandenburg, fünf Träger mit Angeboten der Migrationssozialarbeit (MSA) in Brandenburg, ein Migrationssozialdienst (MSD) mit zwei Standorten in Berlin sowie ein Angebot der Asylverfahrensberatung (AVB) in Berlin.

Hintergrund Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ist ein Verband der Freien Wohlfahrtspflege. Als Dach- und Spitzenverband vertritt das Werk ca. 380 Träger mit 1.900 Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsdiensten in Berlin, Brandenburg und Ostsachsen. Gemeinsam mit ca. 53.000 Mitarbeitenden engagiert sich das Diakonische Werk für Teilhabe und Vielfalt und setzt sich im Sinne der Nächstenliebe auf landes- und kommunalpolitischer Ebene für benachteiligte und ausgegrenzte Menschen ein.

Pressekontakt
Sebastian Peters | Pressesprecher und Leiter Stab Politik und Kommunikation
Presse@dwbo.de
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