Vom Fehler zur fachlichen Weiterentwicklung

Aus der Geschichte lernen – über Werte und Wertschätzung zum gemeinsamen Weg

Die Geschichte der Heimerziehung im deutschsprachigen Raum ist nicht unabhängig von gängigen gesellschaftlichen Normen und sich aus diesen ergebenden Erziehungsstilen zu betrachten. Drei Beispiele sind hier als Wegmarken benannt: Die Reformpädagogik nach Montessori ergänzte ab den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die „Alte Pädagogik“, die „NS-Pädagogik“ entsprach den Wertvorstellungen dieser dunklen Zeit bis 1945. Eine kritische Auseinandersetzung ermöglichte ab den 70er Jahren die Etablierung einer „Antipädagogik“. In nahezu jeder Zeit und unabhängig von den sehr unterschiedlichen Konzepten kam es dabei zu Grenzen und die Würde des Menschen verletzendem Verhalten von Erziehungspersonen gegenüber den „Schutzbefohlenen“, den Kindern und Jugendlichen.

Nicht zuletzt aufgrund der außerordentlichen Aufklärungsleistungen des „Runden Tisches Heimerziehung“ in der heutigen BRD (2006) kennen wir die Dimensionen der Verfehlungen in den Jahren 1950 bis 1970. Nahezu unabhängig von konfessioneller und konzeptioneller Ausrichtung der Heime, sowohl in ehemaligen BRD als auch in der der ehemaligen DDR berichten heute erwachsene Bewohner/innen von systematischer und unreflektierter Machtausübung durch Heimbedienstete, bei der körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch nur die plakative Spitze des Eisbergs darstellen.

Begünstigt durch ein „Wegsehen“ der Gesellschaft, befördert durch mangelhafte oder keine Ausbildung der Mitarbeitenden, durch fehlende Kontrollinstanzen und intransparente Verfahren in den Einrichtungen sowie nicht zuletzt auf Basis fehlender Wertschätzung der Rechte von Heimkindern haben in der Heimerziehung wirkende Menschen ihre institutionelle gegebene oder durch körperliche oder psychische Überlegenheit vorhandene Macht häufig missbraucht und damit oft eigennützige Ziele verfolgt.

Vieles hat sich seit diesen „dunklen Zeiten“ geändert. Durch das seit 1995 geltende Fachkräftegebot hat der Gesetzgeber eine qualifizierende Ausbildung zum Mindeststandard der Qualifizierung in der Jugendhilfe gemacht. Die beschäftigten Sozialpädagogen/-innen und Erzieher/-innen erhalten heute auf Basis ihrer fundierten Ausbildungen größere Freiheiten für eigene Entscheidungen, sie tragen dabei auch mehr Verantwortung für ihr Handeln als in den hierarchischeren Strukturen des vergangenen Jahrhunderts.

Unverändert bleibt, dass Jugendhelfer/innen durch das Handeln der jungen, Ihnen anvertrauten Menschen, immer wieder Ohnmacht erleben - und daraufhin in Betracht ziehen, auf diese Hilflosigkeit mit Machtausübung zu reagieren. Mitarbeiter/innen in der Heimerziehung haben heute jedoch gelernt, dass die Aufgabe der Jugendhilfe die Befähigung junger Menschen ein selbständiges und bewusstes Leben führen zu können ist.

Konsequent weiter gedacht, ist es egal ob sich junge Menschen „In“ der Einrichtung („Heim“) „gut benehmen“. Allein entscheidend ist, dass sie lernen sich im Leben zurechtfinden. Das ihnen die Jugendhilfe hilft, sich „Draußen“ so verhalten zu können, damit Teilhabe an der Gesellschaft (wieder) und die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung möglich wird!

Der Weg hierhin ist ein gemeinsamer, den man nur „in den Schuhen“ von Partizipation miteinander gehen kann. Nutzen Sie die Lehren aus den „Erfahrungen“ der Vergangenheit und:

Vertrauen Sie den „Kids“. Nehmen Sie ihnen keine Verantwortung durch Ihre Machtausübung („Befehle“) ab, die sie zum Lernen brauchen.
Lernen Sie sich selbst gut kennen, bleiben Sie wachsam gegenüber ihrer Macht. Halten Sie Momente der Ohnmacht, der eigenen Hilflosigkeit aus. Gemeinsam mit den Kids und den Kolleg/innen finden sich im Team gute Lösungen.
Helfen Sie jungen Menschen durch Ihre Arbeit, gute Entscheidungen treffen zu lernen.

Es bleibt eine dauerhafte Aufgabe und Anspruch zugleich; aus eigenen Fehlern lernen, damit wir Kinder und Jugendliche befähigen statt ihnen zu befehlen.

Autor: Joachim Rebele (Hoffnungstaler Stiftung Lobetal)

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