"Wir sind bunt, wir sind laut, wir setzen uns ein"

Wie vor 30 Jahren auch heute: Konzert gegen Gewalt in der Erlöserkirche. Wir sind laut! Unter dem Motto #machdichlauter spielt die Renft Combo im Altarraum und 400 Besucher*innen klatschen zum Rhythmus. Neben dem SozDia Vorsitzenden Michael Heinisch Kirch steht der Menschenrechtler Peter Steudtner. Die rbb Abendschau überträgt live aus der Erlöserkirche in Lichtenberg.

21.10.2019

Wie vor 30 Jahren am 15. Oktober 1989, im Herbst der Friedlichen Revolution, gibt es in der Backsteinkirche wieder mit mehreren Musikerinnen und Musikern ein Konzert gegen Gewalt. Damals galt es den nach den Demonstrationen verhafteten politisch Gefangenen in der DDR. Heute, an diesem Abend, gilt die Solidarität den Menschen in Syrien und der Türkei, die aktuell unter Gewalt und Krieg leiden. Seit dem Einmarsch der Türkei in Nordsyrien umso mehr. "Wir haben eine Botschaft und Kirche kann ein guter Ort dafür sein", sagt Michael Heinisch-Kirch ins Mikrofon. Das habe damals gegolten und das gelte auch heute noch. Umso mehr, da die Gesellschaft auseinanderdrifte. Jeder Mensch sei wichtig, sagt der frühere Sozialdiakon an der Erlöserkirche.  Das sei auch in Syrien und der Türkei so, zwei Länder, die so nahe sind. Dafür müsse man laut an diesem Abend sein.

Die Botschaft des Abends in der Paul-Gerhardt-Gemeinde, bei dem auch die Bundeszentrale für politische Bildung und die Stiftung Friedliche Revolution mit im Boot waren, war klar und unmissverständlich.

"Wir sind bunt, wir sind laut, wir setzen uns ein" - das kann man an diesem Abend in jeder Ecke der Erlöserkirche sehen, hören und spüren. Es sind neben den Künstler*innen auch Christin Lüttich von Adopt a Revolution und der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner, die von ihren Erfahrungen vor Ort in Syrien und der Türkei berichten und deutlich machen, wie wichtig ziviles Engagement ist.

Auf einem Plakat vor der Kirche und auch auf der Bühnen-Leinwand in der Kirche werden Wünsche und Sprüche der Besucher*innen zu Demokratie, Frieden und Gerechtigkeit notiert. Es zeigt, Menschen können und wollen ihre Stimme nutzen. Dafür sind sie hier.

Sie auf dem Plakat und die Künstler*innen auf der Bühne - jede*r für sich auf ganz besondere Art und Weise verkünden die Botschaft des Abends.

Man sieht sie schon, wie sie sich neben der Bühne auf den Auftritt vorbereiten. Ein Handschlag mit Moderatorin Sarah Zerdick und Thomas "Monster" Schoppe und seine Kollegen betreten die Bühne. Die alten Rocker Urgesteine konnten damals nicht beim Konzert dabei sein, sie wurden bereits aus der DDR ausgewiesen. Heute aber spielen sie in neuer Besetzung und mit einer Wucht wie man sie kennt.

Auch der aus Halle stammende DERRON, setzte sich schon früh für den Frieden ein. Seine Erfahrungen als Wendekind verarbeitete er in seinen Songtexten. Heute steht er mit seiner Band Dods On Dice auf der Bühne. "Stand up" rufen sie laut. Bedeutende Worte, denn genau darum geht es. Sich nicht unterkriegen zu lassen und aufzustehen. Aufzustehen in Solidarität. Die Musik verstummt und es kommen drei Jugendliche auf die Bühne. Neben der Musik organisiert DERRON Schulprojekte um Kindern und Jugendlichen zu vermitteln: Musik verbindet. Ziemlich selbstbewusst steigen die drei Jungs in den Rap von DERRON ein. Immer wieder lautete es "Stand up". Eine Nachricht, die noch lange nachklingt.

In Salamya geboren, in Aleppo studiert und in Hama eine Musikschule gegründet, führt Basel Alkatrib in Leipzig seine Leidenschaft weiter. Als freiberuflicher Musiker und Musikpädagoge teilt er sein Talent mit uns heute in der Erlöserkirche in Berlin. Gebannt und völlig versunken lauscht das Publikum den Klängen des Ouds. Ohne große Worte versteht man auch so die Nachricht: Frieden!

Jürgen Ehle & André Herzberg von Pankow, das ost-deutsche Musiker Traumpaar, spaziert ganz lässig auf die Bühne. Jürgen Ehle mit seiner Gitarre und André Herzberg mit einer Gitarren-Mundharmonika Kombi. Man merkt ihnen die Bühnenerfahrung an: Zwei, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Von 1989 bis 2019, sie haben nichts von ihrer Eindrücklichkeit verloren. Ob Jung oder Alt, wenn Jürgen Ehle und André Herzberg Geschichten erzählen, fühlt man sich, als wäre man dabei gewesen.

Damals waren es unter anderem Silly, Pankow und Angelik Weiß, heute ist es Elif, die das Publikum zum Tanzen bringt. Nur mit Pianist am E-Piano betritt sie die Bühne. Ihre Lieder: emotional, tiefgründig und rebellisch. Sie erzählt aus ihrem Leben in einer türkischstämmigen Familie, Konflikten der Kulturen und Versöhnung. Die sanfte Stimme trägt uns ganz tief in ihr Herz. Trotzdem schafft sie es, eine Leichtigkeit auf die Bühne zu bringen, die das ganze Publikum mitnimmt.

Laut ist auch Johnny Randale. Sie stimmen die ersten Töne an und die Fans stehen schon in der ersten Reihe. Die Punk Band war vor 30 Jahren nicht dabei, dafür ist sie zu jung, aber heute setzt sie sich umso lauter für Widerstand und Frieden ein. Die Kirchenwände beben und das Publikum bewegt sich im Rhythmus. So laut wurde es bestimmt die letzten 30 Jahre in der Erlöserkirche nicht. Ein Abschluss des Soli-Konzerts gegen Krieg und Gewalt, der sich sehen und hören lassen kann.

Über 3 Stunden politisches Engagement, Musik, Geschichten und Nostalgie. Das Konzert gegen Gewalt bildet den Höhepunkt der Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Gemeinsam Demokratie Gestalten".

Der Abend in der Erlöserkirche brachte über 2 000 Euro Spenden für ein Frauenzentrum in Qamishlo und für einen Rechtshilfefonds politisch Verfolgter in der Türkei ein.

Über die SozDia Stiftung Berlin

Die SozDia Stiftung Berlin - Gemeinsam Leben Gestalten engagiert sich mit ihren Einrichtungen in der sozialdiakonischen Kinder-, Jugend-, Familien- und Gemeinwesenarbeit. In ihren Kindertagesstätten, Jugendklubs, Stadtteilzentren, Ausbildungsbetrieben, Einrichtungen für Jugend- und Familienhilfe, Heimen für Geflüchtete und umweltpädagogischen Lernorten begegnen sich täglich mehr als 5 000 Kinder, Jugendliche und Familien. Die SozDia Stiftung Berlin ist aus dem Verein Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg e.V. hervorgegangen, der am 4. Oktober 1990 durch Akteure der sozialdiakonischen Arbeit in Berlin-Lichtenberg im Auftrag des Kirchenkreises gegründet wurde. Federführend unter den Gründer*innen: Michael Heinisch-Kirch, der damals als Sozialdiakon in der Erlöserkirchengemeinde arbeitete.