„Leuchtpunkte setzen, die in die Zukunft weisen“ Tagung der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal: Inklusion durch Funktionale Gesundheit

Die Eingliederungshilfe der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal nahm Ende November das Thema Funktionale Gesundheit in den Fokus. 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – ein Mix aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Leistungsberechtigten - arbeiteten mit dem Inklusionsexperten der Evangelischen Hochschule Berlin Professor Dr. Michael Komorek im Rahmen eines Forschungsprojektes an diesem Thema. 

Leistungsberechtigte erläutern, wie Barrierefreiheit zur Lebensqualität beiträgt und verbessert werden kann-
07.12.2017

Für einen Außenstehenden mag „Funktionale Gesundheit“ zunächst klingen wie ein Böhmisches Dorf. Doch es ist schnell erklärt, was Thema der Tagung am 28. November im Haus Schwärzetal in Eberswalde war. „Eine Person ist funktional gesund, wenn sie möglichst kompetent mit einem möglichst gesunden Körper an möglichst normalisierten Lebensbereichen teilnimmt und teilhat.“ So steht es in einer Veröffentlichung von INSOS (Soziale Institutionen für Menschen mit Behinderung) Schweiz mit dem Titel „Das Konzept der Funktionalen Gesundheit“.

Der Inklusionsexperte der Evangelischen Hochschule Berlin Professor Dr. Michael Komorek führte vor den 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – ein Mix aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Leistungsberechtigten -  weiter aus, was damit gemeint ist und erfüllt sein muss, damit von Funktionaler Gesundheit gesprochen werden kann.

·         Erstens: Die körperlichen und mentalen Funktionen und Körperstrukturen entsprechen allgemein anerkannten Normen. 

·         Zweitens: Die Person kann alles tun, was von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem erwartet wird.

·         Drittens: Die Person kann ihr Dasein in allen Lebensbereichen entfalten, die ihr wichtig sind. Und zwar in der Weise und in dem Umfang, wie es von einem Menschen ohne Beeinträchtigung erwartet wird.

Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht um ein Zusammenspiel der Dimensionen: Köperfunktion, Aktivität und Partizipation.

Stellt dies einen Paradigmenwechsel dar in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung für die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal?

Niemand darf außerhalb der Gemeinschaft stehen

Der Leiter des historischen Archivs der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, Jan Cantow, ging in seinem Vortrag auf verschiedene Entwicklungsphasen Lobetals ein. „Lobetal ist bis heute so erfolgreich, weil es die Fähigkeit ausgeprägt hat, auf gesellschaftliche Umbruchsituationen und Herausforderungen mit Pardigmenwechseln zu reagieren“, so sein Statement. Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer Lobetals, begegnete den sozialen Notständen seiner Zeit mit innovativen Konzepten. Auslöser war die Not der Obdachlosen in Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts. Um dieser zu begegnen, ermöglichte Bodelschwingh durch den Verein Hoffnungstal: Arbeit, Wohnen und christliche Gemeinschaft. Bodelschwinghs Motivation war geprägt durch ein missionarisches Engagement, das das Wohl des ganzen Menschen in den Blick nahm.

Es gehörte zum grundsätzlichen Ansatz des Lobetal-Gründers und Bethel-Leiters, dass jede und jeder Teil der Gemeinschaft ist. Niemand dürfe außerhalb der Gemeinschaft stehen. Grundlage dafür sei die Überzeugung, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und mit Würde ausgestattet ist. „Deshalb ist die Verschiedenheit eine Bereicherung: Mehr oder weniger gesunde, mehr oder weniger behinderte, mehr oder weniger leistungsfähige, jüngere und ältere Menschen, Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Prägung sollen als Bürgerinnen und Bürger mit gleichen Chancen, Rechten und Pflichten in der Gesellschaft leben.” So ist es in der Bethel Vision “Gemeinschaft verwirklichen” formuliert. Daraus folgt ein selbstverständliches Miteinander auf Augenhöhe.

Dies ziehe sich wie ein roter Faden durch die Kultur der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal. Es konnte sich innerhalb der verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Systeme unterschiedlich ausprägen, wurde aber nie aufgegeben.

Grundlegend dabei: Partizipation

“Dabei ist Partizipation ein unverzichtbarer Aspekt”, wie Andrea Braun, Referentin der Eingliederungshilfe betonte. Es habe Einzug in die gesetzlichen Grundlagen der Eingliederungshilfe gefunden. Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben sei dabei ein zentraler Aspekt. Im Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen, kurz Bundesteilhabegesetz (BTHG) genannt, das Anfang 2017 in Kraft getreten ist, geht es im Kern darum, die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderung entscheidend zu verbessern.  „Doch es ist auch ein Bestandteil der Lobetaler Kultur”, betonte Andrea Braun. Deshalb habe dies auch die Arbeitsweise für dieses Projekt bestimmt, das vor zwei Jahren startete. Die Tagung sei ein Meilenstein im Projektverlauf.

Im Oktober 2015 stellte Arvids Schaub, Leiter des Bereiches Eingliederungshilfe das Forschungsprojekt mit dem Titel: „Handlungskonzept Inklusiv Wohnen durch Funktionale Gesundheit – InFunGes“ vor. Es sollte die Weiterentwicklung der Hilfeplanung bei der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal in den Blick nehmen. In der Forschungsfrage innerhalb des Projekts wird der Hypothese nachgegangen, „dass die bisher unzureichend berücksichtigten Faktoren

·         Personenzentrierung,

·         Funktionale Gesundheit und

·         Inklusion

in einem neuen Handlungskonzept im Rahmen des Hilfeplanverfahrens adäquate Berücksichtigung finden.“ Dabei wird angenommen, dass „das Konzept der Funktionalen Gesundheit eine optimale Grundlage für die Entwicklung eines Handlungskonzepts für den Wohnbereich der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal darstellt.“

Eine Reihe von Veranstaltungen folgten, Arbeitsgruppen wurden gebildet, Teilaspekte der Funktionalen Gesundheit identifiziert und ausgearbeitet. Andrea Braun sagte mit Blick auf den zweiten Teil der Tagung: „Auf dem Markt der Möglichkeiten schauen wir zurück, was bisher passiert ist und im World Café, eine auf Dialog ausgerichtete Arbeitsmethode, nach vorne. Wir wollen gemeinsam das Thema der Tagung mit Leben füllen. Ich wünsche mir, dass wir erste Leuchtpunkte setzen, die in die Zukunft weisen.“

Austausch, Diskussion, voneinander lernen, Perspektiven entwickeln

EcoMap, Kiezkarten, BarriereCheck, Mitarbeitendensituation 2030, Transparente Kommunikation, Partizipation sind nur einige Überschriften der Marktstände, um die sich   Trauben bildeten. Besonders beeindruckend waren die Statements der Leistungsberechtigten. Sie zeigten ihre Sicht der Dinge auf. „Das ist ein Novum, dass wir in dieser Zusammensetzung Themen der Eingliederungshilfe erarbeiten. Ich hoffe, dass dies bald eine Selbstverständlichkeit ist”, gibt sich Andrea Braun zuversichtlich.

Dialoge am Rande aufgeschnappt zeigten, dass dies berechtigt ist: „Sie sind echt schlau! – Oh, schade, dass ich nicht mit Ihnen zusammenarbeite!“ – „Ne, ne… ich arbeite inner Werkstatt… ich bin kein Betreuer!“ Dass Betreuer „auch nur Menschen“ sind zeigt von Empathie der Leistungsberechtigten gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Regen Austausch und engagierte Diskussion gab es im WorldCafé. Dort wurden die Projekte kritisch hinterfragt und für die weitere Bearbeitung im gesamten Verbund weiterentwickelt. So ist geplant, die Leistungsberechtigten selbst für die Themen zu qualifizieren. Dadurch entsteht Nachhaltigkeit und unmittelbare Wirkung bei den Menschen, um die es ja im Grunde geht. Partizipation braucht Empowerment. Das betrifft nicht nur die Leistungsberechtigten, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wie ein roter Faden zogen sich die Aspekte Unternehmenskultur und Wertschätzung durch die Gespräche. Deshalb ist unverzichtbar die Projektthemen im Rahmen von InFunGes mit der Frage der Führungskultur in Verbindung zu bringen. Und auch mit Kommunikation, damit die Forderung einer Teilnehmerin kein frommer Wunsch bleibt: „Es gibt Dinge, die ich gut, aber auch schlecht finde. Ich will auch nicht nur gute Dinge erleben… aber ich muss mich positionieren können, also von den Dingen wissen!“

Doch ohne Grenzen kommt auch dieses Konzept nicht aus, insbesondere, wenn die Rahmenbedingungen für die Eingliederungshilfe nicht ebenfalls konsequent für die Leistungsberechtigten optimiert werden. Aber Grenzen können verändert werden. Hier kann die Eingliederungshilfe die Umwelt durch Einbindung der Projekte in bspw. das Hilfeplanverfahren aktiv beeinflussen. Offen bleibt allerdings, was dabei vom Kostenträger akzeptiert wird.

Quintessenz für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Funktionale Gesundheit ist nicht als ein Standardkonzept zu verstehen, das abgearbeitet werden kann, sondern als Leitidee mit der Maßgabe, bei sich selbst anzufangen. Dafür wird jedoch noch viel Wissen über Methoden, die Veränderungen ermöglichen, gebraucht.

Es bleibt die feste Überzeugung: Wir werden diesen Weg gehen, Schritt für Schritt, weil es sich lohnt. Jetzt gilt es, die Fülle der Themen auszuwerten und für die Weiterarbeit aufzubereiten.