Letzte Spuren - Kunst aus dem Hospiz

Seit Januar bietet das Diakonie-Hospiz Wannsee seinen Gästen einen Kunst- und Kreativkurs an. Unter der Anleitung der Künstlerin, Grafikerin und Systemischen Gerontotherapeutin Roxane Pieper sind zahlreiche eindrucksvolle Bilder entstanden. Jetzt sind sie als letzte sichtbare Spuren der inzwischen verstorbenen Menschen in einer Ausstellung in den Räumen an der Königstraße 62B zu sehen.

22.09.2017

Ein leuchtendes Feuer in satten Rottönen, durchwebt von feinem, züngelndem Blau und Gelb, lodert im Diakonie-Hospiz Wannsee an der Wand. Etwas weiter links sitzt ein blauer Vogel mit schräg gehaltenem Kopf in einem Fenster. Gegenüber wachsen Sonnenblumen auf dicken Stängeln. Dahinter leuchtet der Sternenhimmel und um die Ecke steht ein dichter Wald, über dessen Baumkronen sich Gold legt. Unter ihm schwebt ein Wesen über eine Wiese, das sich im nächsten Bild bereits in einen flüchtigen Schatten auflöst. „Der verhungerte Vogel mit Schutzgeist“, hat die Urheberin das Bildpaar genannt. Wie alle anderen dieser Bilder ist es während der montäglichen Kunst- und Kreativnachmittage im Hospiz entstanden und nun in einer liebevoll zusammengestellten Ausstellung für alle Interessierten zu sehen.

Unter der Anleitung der Künstlerin, Grafikerin und Systemischen Gerontotherapeutin Roxane Pieper haben die Kursteilnehmer seit Januar kleine, feine Kunstwerke geschaffen. In ihnen hallt die Präsenz der Hospizgäste wie ein Echo nach. Denn die passepartoutgerahmten Bilder gehören zu den letzten sichtbaren Spuren, die die inzwischen Verstorbenen auf dieser Welt hinterlassen haben. Sie erzählen Geschichten darüber, was Menschen an ihrem Lebensende bewegt und trägt.

Bleibendes schaffen im Angesicht des Todes

Mit Aquarell- und wasserlöslichen Ölfarben, reinen Pigmenten und Leinöl, Pastell- und Ölkreiden, Kreide, Kohle, Graphit, Buntstiften und Aquarellbuntstiften gestalteten die Kursbesucher Glasdrucke, Kartoffelschnitte, Aquarelle, Pastelle, Zeichnungen, Collagen und Mischtechniken. Roxane Pieper führte die künstlerisch meist unerfahrenen Teilnehmer einfühlsam an Farben, Formen, Techniken und Motive heran. „Sie waren dann überrascht und glücklich über das schöne Ergebnis. Mit Farben etwas Bleibendes zu schaffen, gibt uns eine tiefe Zufriedenheit“, erzählt die Kursleiterin.

Auszüge aus Lyrik und Prosa, Einblicke in Naturstudien aus der bildenden Kunst und Fotografie oder Gegensatzpaare wie Tag und Nacht, Licht und Schatten, dienten den Teilnehmern als Anregungen. „M'illumino / d'immenso“, zu Deutsch „Ich erhelle mich / aus Unendlichem“, lautet das kurze Gedicht von Giuseppe Ungaretti, das das Feuerbild inspirierte. Der blaue Vogel ist eine Interpretation des schwarzen Vogels von Odilon Redon, einem französischen Symbolisten.

Schöpferische Aussagekraft

Roxane Pieper ist dankbar für die Begegnungen und die Arbeit mit den Hospizgästen. „Im Prozess des Entstehens und Experimentierens ereigneten sich bewegende Momente. Oft sind die Bilder mit höchster Konzentration und unter Schmerzen entstanden“, sagt sie und erinnert sich dabei auch an die Tiefe Freundschaft, die zwei Frauen während des Kurses zueinander entwickelten. Ihre Bilder hängen in der Ausstellung beieinander. Der „verhungerte Vogel mit Schutzgeist“ ist eines davon, der goldene Herbstwald ein anderes. Ein Diptichon vereint je ein Bild der beiden Frauen in einem gemeinsamen Rahmen als Zeugnis dieser letzten Freundschaft.

„Die Ergebnisse des Kurses entziehen sich hergebrachten Bewertungsmaßstäben und doch spricht die schöpferische Aussagekraft der hier gezeigten Bilder für sich“, ist Roxane Pieper überzeugt.

Die Kunst- und Kreativnachmittage im Diakonie-Hospiz Wannsee bietet sie weiterhin an und plant bereits die nächste Ausstellung. Wer die aktuelle Schau mit 30 Exponaten und 37 Motiven sehen möchte, ist dazu jederzeit herzlich in der Königstraße 62B in Berlin-Wannsee willkommen.

Jenny Jörgensen

Ausstellungsort
Diakonie-Hospiz Wannsee
Königstraße 62B
14109 Berlin
T: 030 80 505-702
info@diakonie-hospiz-wannsee.de
www.diakonie-hospiz-wannsee.de