Modellprojekt für Jugendliche: Beratungsstelle und Kreativwerkstatt

Ob Obdachlosigkeit, Streit in der Familie, Schulden, Sucht- oder psychische Probleme - das Rambler Studio ist ein niedrigschwelliges Angebot für junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren. Mit Desiger_innen können sie ihre kreativen Talente entdecken und mit Sozialarbeiter_innen der Neuen Chance Berlin e.V. an der Verbesserung ihrer Lebenssituation arbeiten.  Diakonie für Sie besuchte die Beratungsstelle für Jugendliche.

Das Rambler Studio gehört zur Neuen Chance e.V.. Diese ist Mitglied der Diakonie.
Die Straße macht kreativ. Die Mode der Jugendlichen wird im studioeigenen Shop verkauft. 2016 konnte sogar eine ganze Kollektion produziert werden. Zehn Prozent der Erlöse gehen an die Jungdesigner.
05.01.2017

Ein kleines Ladengeschäft nahe dem Bahnhof Ostkreuz. Hier stehen Schaufensterpuppen mit ausgefallenen Outfits, Nähmaschinen und Schnittmuster herum, an Kleiderständern hängen bedruckte T-Shirts und Taschen. Am Tisch sitzen eine junge Frau und ein junger Mann und zeichnen konzentriert Motiventwürfe auf Papier. Es sieht aus wie in einem Modeatelier. In den hinteren Räumen befindet sich eine Siebdruckmaschine. Eine Ausstellung an den Wänden zeigt die bisherige Erfolgsgeschichte von Rambler.

Das Rambler Studio Berlin wird seit Mai 2016 als dreijähriges Modellprojekt des Neue Chance Berlin e.V. aus Stiftungs- und Eigenmitteln finanziert. In Berlin gibt es viele junge Menschen in prekären Lebenssituationen, die von den klassischen Hilfeangeboten nicht erreicht werden. Die Idee stammt aus Amsterdam. Dort gründeten die Designerin Carmen van der Vecht und der Unternehmensberater Tim Dekker im Jahr 2010 das erste Rambler Studio. Das Konzept: Professionelle Designer_innen arbeiten mit jungen Menschen an der Entwicklung ihrer kreativen Fähigkeiten und vermarkten daraus entstehende Mode-Designs. Der Erfolg in Amsterdam brachte Dekker und van der Vecht auf die Idee, das Konzept zu expandieren. Bei der Suche nach einem Partner für die Sozialarbeit stießen sie auf die Neue Chance Berlin. Die Neue Chance e.V. ist Mitglied der Diakonie und bringt junge Menschen in Notsituationen im betreuten Wohnen unter.

 

„Ich arbeite gerne hier. Es ist keine typische Sozialarbeit und sehr vielseitig.“

Benjamin Siepmann, Sozialpädagoge

Das Rambler Studio gehört zur Neuen Chance e.V.. Diese ist Mitglied der Diakonie.
Sarah und Ben, zwei kreative und engagierte Sozialpädagogen, beraten im Rambler Studio die Jugendlichen.

Sarah Skala und Benjamin Siepmann sind ausgebildete Sozialpädagogen. Sie kommen beide aus der Einzelfallhilfe und stehen hier im Zweier-Team Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Probleme zur Seite. Es kommen nicht nur Straßenkinder oder depressive und drogenabhängige Jugendliche hierher. Viele haben einfach keinen Zusammenhalt in der Familie. Die Sozialarbeiter vermitteln in weiterführende Hilfen wie Schuldnerberatung oder Therapie und begleiten auch mal zu Behörden. Sie möchten aber auch Jugendliche in der Phase ihrer beruflichen Orientierung ansprechen und stellen das Projekt an Schulen vor. Benjamin Siepmann: „Ich arbeite gerne hier. Es ist keine typische Sozialarbeit und sehr vielseitig. Da es ein Modellprojekt ist, ist es auch für uns „learning by doing“. Sarah Skala ergänzt: “Ben und ich haben eine Weiterbildung für Siebdruck gemacht, damit wir die Maschine bedienen und unsere Besucher_innen bei dieser Technik unterstützen können. Das ist auch für uns bereichernd und interessant.“

 

„Unser Wunschtraum ist, dass der Modepart irgendwann die Sozialarbeit finanzieren kann.“

Benjamin Siepmann, Sozialpädagoge

Diakonie, Caritas und Rotes Kreuz auf der Pressekonferenz zum Auftakt der Berliner Kältehilfe 2016/17.
Dilara aus Berlin-Neukölln entwirft ein Motiv. Das fertige T-Shirt möchte sie ihrer Schwester schenken.

Heute sind ein paar Jugendliche aus einer Maßnahme für unter 18-Jährige der Agentur für Arbeit Berlin-Neukölln da. Dilara möchte sich orientieren und arbeitet konzentriert an einem Motiv. „Ich möchte das T-Shirt meiner Schwester schenken“, sagt sie. Es herrscht kein Zwang, die jungen Menschen können sich ausprobieren und ihre Ideen mit anderen besprechen. Sie haben hier nach ein paar Stunden ein Ergebnis in der Hand, auf das sie stolz sein können. Etwas, das sie selbst geschaffen und mal „zu Ende gemacht“ haben. Viele der Jugendlichen beginnen in diesem Prozess über ihr Leben nachzudenken. Oft ist das der erste Schritt ins Arbeitsleben. „Wir kommunizieren ganz klar, dass nicht jede_r eine Karriere als Modedesigner machen kann“, erklärt Benjamin Siepmann. „Man darf nicht vergessen, dass wir in erster Linie eine Sozialberatungsstelle sind. Manche kommen auch nur zur Beratung und haben mit Mode und Design nichts am Hut“.

Das Projekt wird mit einer Laufzeit von drei Jahren von der Aktion Mensch finanziert. Aktion Mensch übernimmt derzeit die Ladenmiete und die Personalkosten für die zwei Sozialarbeiter. „Der Wunschtraum ist, dass sich die Marke Rambler etabliert und irgendwann so bekannt ist, dass sie sich von alleine trägt und der Modepart die soziale Arbeit finanzieren kann“, sagt Siepmann.

Autorin: Birgit Coldewey

Hier können Sie die aktuelle Ausgabe der Diakonie für Sie mit dem Schwerpunkt Wohnungslosenhilfe lesen.

Kontakt:
Das Rambler Studio bietet Gruppenworkshops an zwei Nachmittagen in der Woche für bis zu sechs Teilnehmende an, aber die Tür steht auch für spontane Besuche Montag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr offen.
Rambler Studio Berlin
Projektleitung: Benjamin Siepmann
Gryphiusstraße 9
10245 Berlin
Telefon: 030 325 398 20
E-Mail: rambler@neuechanceberlin.de
Internet: http://www.neuechance-berlin.de/index.php/verein/rambler-studio