Diakonie-Präsident Ulrich Lilie zu Besuch in der Lausitz

Welzow gehört zu den Orten, die seit Jahrzehnten von der Braunkohle gelebt haben, aber noch nicht wissen, ob sie selbst auch noch der Erweiterung des nächsten Tagebaus weichen müssen. Das kleine "Unerhört"-Forum im Rahmen der bundesweiten Diakonie-Kampagne bringt die unterschiedlichen Positionen im örtlichen Gemeindesaal an den Tisch. Dabei sind die Chefin eines großen, regionalen Landwirtschaftsbetriebs, der Verwaltungschef der Kommune, Vertreter*innen der diakonischen Einrichtungen, der Pfarrer und Bürger*innen Welzows.

#zuhören: Diakonie-Präsident Ulrich Lilie zu Besuch in der Lausitz.
06.09.2019

"Seit ich denken kann", sagt eine 80-jährige Dame, "lebe ich mit der Frage, ob Welzow der Braunkohle weichen muss." Von den Gesprächen zum Kohleausstieg erwarten die Welzower nach Jahrzehnten des Bangens vor allem eins: endlich Klarheit. Die Debatten um den Tagebau haben in der Dorfgemeinschaft tiefe Gräben gezogen, viele sind von den endlosen Debatten "zermürbt", sagt Pfarrer Hans-Christoph Schütt: auf der einen Seite die schon zu DDR-Zeiten hoch bezahlten Bergleute und ihre Zulieferer, andererseits die Kleinbetriebe und Landwirte, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen und für ihre Betriebe kaum noch Personal finden. Viele Junge sind darum längst weg. Und Demokratie - das hat sich hier mancher am Tisch anders vorgestellt. Die Freiheit, zu kommen, aber auch fortzuziehen, wann man will, ist auch 30 Jahre nach dem Mauerfall für manchen heute noch eine echte Herausforderung. Für meine Gesprächspartner*innen ist das eine Frage der Haltung: von "Flachwurzlern" und "Tiefwurzlern" ist die Rede. Es herrscht Skepsis bezüglich der kommenden Landtagswahlen.

Diese handgemachte Schokolade aus der Lausitz brachte Ulrich Lilie zum Dank an seine Gesprächspartner mit.

Zukunft gibt es nur miteinander

Unsere Veranstaltung, die mit einer zünftigen Erbsensuppe endet, bringt noch keine Lösung, zeichnet aber Perspektiven auf: "Wir sollten über den Tellerrand zu schauen." "Wie haben es Andere gemacht?" Was kann man heute tun, damit etwas von den gerade noch rechtzeitig vor den Landtagswahlen ausgelobten Struktur-Milliarden auch vor Ort ankommt und wirklich hilft? Den "Tiefwurzlern", die bleiben wollen und denen, die sie als neue Mitbewohner in der Lausitz gewinnen wollen? Das Gespräch vor Ort soll weitergehen, Pfarrer Schütt wird wieder einladen. Zukunft gibt es nur miteinander.

"In Sachsen und Brandenburg durfte ich erleben, wie schwierig das Ringen um das demokratische Gemeinwesen ist, und wie aufwändig die Arbeit mit einzelnen Menschen, damit sie nicht abrutschen. Statt oberflächlicher Schlagzeilen durfte ich an diesen Orten in die vielschichtige Tiefe der Problemlagen blicken. Die Diakonie, die Kirche ist hier vor Ort. Sie kennt die Menschen und ihre Probleme. Sie genießt Vertrauen - und ist daher ein Partner, ein sehr geeigneter Ort für den noch ungeübten gemeinsamen Blick nach vorne, über die Gräben und die klaffenden Landschaftslöcher der Lausitz in die mit Skepsis erwartete Zukunft", so Ulrich Lilie abschließend zur Sommerreise unter dem Motto: #zuhören.