Corona-Ausbruch in Altenpflegeeinrichtungen

Eine erhitzte Debatte mit schnellen Vorverurteilungen bringt uns nicht weiter. Ein Kommentar von Barbara Eschen zur aktuellen Debatte um einen Corona-Ausbruch in einer Senioreneinrichtung.

Barbara Eschen Direktorin DWBO
Barbara Eschen leitet das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg
18.11.2020

Wir werden nicht ungeschoren davon kommen in dieser Pandemie. Wir erleben, dass Menschen um uns herum leiden, weil sie schwer erkranken, weil ihnen lebenswichtige Kontakte fehlen oder weil sie als Pflegende und Erziehende extrem gefordert sind.

Besonders verletzlich sind Menschen in Altenpflegeeinrichtungen. Bewohner*innen sind bereits aufgrund ihres Alters besonders gefährdet durch die Pandemie. Hinzu kommen chronische Erkrankungen. Demenzielle Erkrankungen verschärfen das Problem, weil diese Bewohnerinnen und Bewohner nicht verstehen, was ihnen guttut oder schadet und auch nicht, wozu die Maßnahmen der Einrichtungen dienen. Kontakte zu ihnen vertrauten Personen vermitteln sich vor allem durch Berührungen. Briefe, Telefonate oder selbst Sichtkontakt hinter einer Scheibe sind wenig hilfreich, weil die Betroffenen die Distanz nicht deuten können. Für Pflegekräfte ist das eine schier unlösbare Aufgabe, können sie doch den fehlenden Kontakt zu Angehörigen, zu Vertrauten, nicht ersetzen. Deshalb ist es richtig, anders als in dem ersten Lockdown, die Altenpflegeheime möglichst für Angehörige offen zu halten.

Mitarbeitende eines Hauses, das im Frühjahr sehr durch Infektionen seitens der Bewohner*innen und auch des Personals getroffen war, berichteten mir von ihrer Erschöpfung und Verzweiflung: Nicht nur, dass sie die Pflege kaum stemmen konnten und nach ihrem Dienst noch die Briefe der Angehörigen vorlasen oder Kontakte per Laptop oder Telefon herstellten, sie mussten auch mit dem Tod selbst umgehen. Dass mehrere Bewohner*innen verstarben, belastete das Team wie die Hausleitung schwer und vor allem, dass sie so lange ohne Kontakt zu den Angehörigen gewesen waren und dass keine Begleitung und kein Abschied nehmen möglich gewesen waren. Diese Einsamkeit ging den Mitarbeitenden aller Verantwortungsbereiche nah. So soll es nicht wieder sein.

Aber das bedeutet erhöhte Ansteckungsrisiken. Dessen müssen sich alle bewusst sein. Diese Risiken lasten zunächst auf den Pflegenden und auf den Verantwortlichen der Pflegeeinrichtungen. Sie erleben das täglich hautnah. Sie arbeiten in dem stetigen Dilemma, mit der eigenen Arbeit und auch mit dem Besuch der Angehörigen Risiken einzugehen. Es ist nicht fair, ihnen allein die Verantwortung zuzuschustern. Im Gegenteil: wir müssen ihnen gerade jetzt den  Rücken stärken! Sie müssen sich auf einen gesellschaftlichen Konsens, dass menschliche Nähe mit vermehrten Ansteckungsrisiken einhergehen kann, verlassen können. Deshalb ist es gedankenlos, wenn die Öffentlichkeit, insbesondere die Medien, Einrichtungen wegen erhöhter Anzahl von Covid 19 Fällen sofort an den Pranger stellen, bevor der Hintergrund auch nur ansatzweise geklärt sein kann.

Selbstverständlich müssen Verantwortliche wie auch Behörden ihr Krisenmanagement offenlegen und sich verantworten. Vorverurteilungen und schnelle Schuldzuschreibungen vergiften aber die Atmosphäre in einer Krise, die Besonnenheit verlangt. Beenden wir die Skandalisierung von Ereignissen und hinterfragen wir die oft überzogenen Schilderungen. Wir brauchen eine Berichterstattung und eine öffentliche Diskussion auf Basis gesicherter Fakten. Nur so können wir der Verunsicherung auf allen Ebenen entgegenwirken. Nur so können wir erwarten und hoffen, dass die Pflegenden mit den Bewohner*innen und Angehörigen das Leben in einem Pflegeheim 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, auch in dieser Zeit lebenswert gestalten können.eschen