Alpakas im Pflegeheim: Geduldige Therapeuten mit vier Beinen

Tiere sind Türöffner. In Berlin-Spandau werden vier Alpakas in der tiergestützten Therapie von Menschen mit chronischen psychischen Krankheitsbildern, Suchterkrankungen, Demenz oder geistiger Behinderung eingesetzt. Schwer psychiatrisch erkrankte Menschen, die sich sonst kaum mitteilen, fangen in Gegenwart von Tieren plötzlich zu sprechen an. Diakonie für Sie besuchte die tierischen und menschlichen Therapeuten in der Agaplesion Bethanien Diakonie in Berlin-Spandau.

Tiergestützte Therapie mit Alpakas bei der Diakonie.
Bewohnerin Roswitha Pasell freut sich über den regelmäßigen Besuch der kuscheligen Vierbeiner.
20.02.2017

Lucky, Fuchur, Aramis und Milli Vanilli recken ihre Hälse und laufen aufgeregt an den Zaun ihres Geheges. Sie heißen jeden Besucher und jede Besucherin willkommen. Die vier Alpakas leben seit 2010 in Radeland auf dem weitläufigen Gelände der Agaplesion Bethanien Diakonie. Hier gibt es 171 Pflegeplätze. Die Alpaka-Therapie ist ein Angebot unter vielen. Kochen, Backen, Lesegruppen, Musik-, Kunst- und Bewegungstherapien gehören ebenso dazu.

Das Alpaka ist ursprünglich in den südamerikanischen Anden zu Hause. Die Kamelart ist ein Herdentier, wurde vorwiegend ihrer Wolle wegen gezüchtet, ist robust, friedlich und menschenfreundlich. Linda Temizkan, Ergotherapeutin und ausgebildete Tiertherapeutin, ist mit ganzem Herzen dabei: “Jedes Alpaka hat seinen eigenen Charakter. Ich arbeite intensiv mit den Tieren zusammen und spüre, wenn es einem nicht gut geht.“

Alpakas als Therapeuten_Agaplesion Bethanien Diakonie Radeland

Tiergestützte Therapie mit Alpakas bei der Diakonie.
Linda Temizkan, Ergo- und Tiertherapeutin, trainiert täglich mit den Tieren. Auch Künststückchen können sie lernen.
Tiergestützte Therapie mit Alpakas bei der Diakonie.
Da steht ein Alpaka auf dem Flur. Man muss zweimal hinschauen: Um die Bewohner in den oberen Etagen des Pflegeheims zu besuchen, benutzt auch ein Alpaka den Fahrstuhl.
Tiergestützte Therapie mit Alpakas bei der Diakonie.
Alpakas sind immer neugierig und gut gelaunt. Im Hintergrund: Bewohner, die beim Ausmisten des Geheges helfen.

„Das Lächeln ist immer die unmissverständlichste Reaktion.“

Linda Temizkan, Ergotherapeutin

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen ist Temizkan verantwortlich für die Haltung und Arbeit mit den Alpakas. Alpakas sind sehr pflegeintensiv: Ausmisten, Krallenpflege, Impfungen. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum bisher nur wenige Einrichtungen diese Tiere selbst halten. Heute geht es mit den Tieren zum  Bewohnerbesuch- Es ist schon ein ungewohntes Bild, wenn zwei Alpakas aus dem Fahrstuhl steigen und über die Flure des Pflegeheims stolzieren. Die Tiere brauchen ein regelmäßiges Training mit einer Bezugsperson, die ihnen Sicherheit gibt. Sie hören auf ihre Namen, legen sich auf Kommando auf den Boden oder geben Küsschen. Bewohnerin Liselotte Dringenberg füttert ein Alpaka mit Pellets aus ihrer Hand: “Ich mag die großen Augen so gerne.“ Eine andere Bewohnerin lächelt über das ganze Gesicht, als ein Tier sie an ihrem Bett begrüßt. „Das Lächeln ist immer die unmissverständlichste Reaktion“, sagt Linda Temizkan.“ Dann wissen wir, dass die Bewohner_innen zufrieden sind.“

Die Therapieabläufe sind so unterschiedlich wie die Diagnosen der einzelnen Bewohner. Einige Bewohner_innen helfen dabei, die Tiere zu füttern und das Gehege auszumisten. Sie übernehmen Verantwortung in der Pflege der Tiere und fühlen sich gebraucht. Vorsichtig, neugierig und ohne Vorbehalte gehen Alpakas auf Menschen zu. Sie werten nicht, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Ein Alpaka ist in der Lage, sich dem jeweiligen Menschen, der Situation und der Stimmung anzupassen.

„Seit ich Alpaka-Schuhsohlen trage, habe ich keine kalten Füße mehr.“

Linda Temizkan, Ergotherapeutin

Einmal im Jahr kommt der Alpakascherer. Dabei wird das Bauch-, Rücken- und Halsfell zur Produktion von Textilien genutzt. Jedes Tier produziert etwa 1,5 – 5 Kilogramm Wolle. Ein weiterer Vorteil: Im Gegensatz zu Pferde- oder Katzenhaar ist Alpakafell völlig allergiefrei. „Der Kot der Tiere ist übrigens der beste Dünger. Die Besitzer der umliegenden Gärten fragen schon danach“, sagt Temizkan. Das Fell geht dann zum Züchter in die Uckermark, der es mit einer Wollmühle zu Wolle verspinnt oder filzt. Daraus schneiden die Bewohner unter anderem Einlegesohlen für Schuhe in verschiedenen Größen aus. Diese werden im hauseigenen RadelandLädchen verkauft. Die Bewohner erleben so den gesamten Kreislauf mit. „Seit ich die Alpaka-Schuhsohlen trage, habe ich keine kalten Füße mehr“, lacht Linda Temizkan.

Autorin: Birgit Coldewey

Das RadeLandlädchen:
Der Hofladen in Bethanien Radeland wird gemeinsam von Therapeut_innen und Bewohner_innen betrieben. Verkauft wird Selbstgemachtes, das im Rahmen der Therapie angefertigt wird, Geöffnet ist das RadeLandlädchen Montag, Mittwoch und Samstag von 14:00 bis 17:00 Uhr
Radelandstr. 199
13589 Berlin-Spandau
Telefon: 030 37 03 - 0
E-Mail: radeland@bethanien-diakonie.de
www.bethanien-diakonie.de

 

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