Freiwilligendienst - Das geht auch digital!

Wer sich dazu entscheidet einen Freiwilligendienst (FSJ/BFD) zu leisten, tut dies unter anderem aus der Überzeugung und dem Wunsch heraus, sich mit dem praktischen Einsatz zum Beispiel in einer Kita, einem Krankenhaus, einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung sozial zu engagieren. Jährlich absolvieren rund 430 Freiwillige ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder den Bundesfreiwilligendienst (BFD) in den Einrichtungen des DWBO. Hier sammeln sie praktische Erfahrungen. Ein Team von neun Referent*innen des DWBO begleitet sie während ihres Freiwilligendienstes. Wesentlicher Bestandteil des Freiwilligendienstes sind 25 Seminartage, wo die zumeist jungen Menschen neben ihrem praktischen Einsatz politische und persönliche Weiterbildung erfahren sollen. Seit einem Jahr nun musste pandemiebedingt einiges umorganisiert werden. „Diakonie für Sie“ sprach mit Bildungsreferent Martin Simon-Härtel.

Was haben Sie seit knapp einem Jahr für Erfahrungen gemacht?

Martin Simon-Härtel:
Unsere Erfahrungen waren überwiegend positive. Als sich im März alles so überraschend verändert hat, ist für viele erstmal auf Stopp gedrückt worden. Die Einrichtungen sind sehr umsichtig mit den Freiwilligen umgegangen, so dass es viele (vergütete) Freistellungen und individuelle Vereinbarungen gab.
Da wurden Tätigkeiten umorganisiert oder neue gefunden. Einige Freiwillige konnten dann beispielsweise einfach Aufgaben von Zuhause aus erledigen. Trotz all der Unsicherheiten wurde das oft ganz pragmatisch gehandhabt. So konnte auch vieles umgesetzt werden, für das sich „normalerweise“ keine Zeit findet.

Was für alle schwieriger geworden ist, sind die Begegnungen vor Ort. Die sind auch für uns als Träger sehr wichtig. Vieles lässt sich zwar telefonisch klären, aber das ist nicht dasselbe. Für die Seminare sind wir schnell auf Videokonferenzen umgestiegen. Nach den ersten Bildungstagen waren wir selber etwas überrascht, wie gut das auch online geht. Auf den Seminaren fehlen uns und den Freiwilligen aber die nonverbale Kommunikation sowie die Nebengespräche in den Pausen, am Billardtisch oder abends am Lagerfeuer – die sind wichtiger, als man denkt!

Ein Freiwilligendienst kann also auch nur am PC geleistet werden? Wie geht das?

Simon-Härtel: Also „nur“ am PC geht natürlich selten, aber vieles lässt sich auch digital bearbeiten. Betreuung und Pflege lassen sich nicht virtuell umsetzen – in anderen Bereichen ist da aber mehr möglich. In der Jugendarbeit fanden ja schon vor Corona digitale Medien ihren Einsatz. Die sind Teil der Lebensrealität von Jugendlichen. Natürlich ist der direkte Kontakt nicht zu ersetzen, aber wenn es nicht anders geht, finden einige AGs dann eben online statt. In der Begleitung und Betreuung von Benachteiligten verabreden Freiwillige für ihre Mentees Hausaufgabenhilfe, Wohnungssuche oder andere Termine dann auch schon mal per Videoanruf, oder es werden neue Inhalte für den Onlineauftritt entwickelt. Vieles geschieht einfach im Dialog mit der Einsatzstelle: Was möchtest und kannst du machen? Was benötigst du dafür und was ist davon auch daheim realisierbar? Aus den Antworten entstehen dann neue Projekte, die es im Freiwilligendienst ohne Corona nicht gegeben hätte.

Bleibt der Erwerb sozialer Kompetenzen dabei nicht auf der Strecke?

Simon-Härtel: Dort, wo soziale Interaktion nur noch eingeschränkt möglich ist, verkleinert sich natürlich auch ein Lernfeld. Es tun sich aber neue auf. Das ist janusköpfig und so sind auch die Rückmeldungen der Freiwilligen – einige fühlen sich herausgefordert, andere nehmen es einschränkend wahr. Die Pandemie zwingt uns alle in neue Lernprozesse, das ist oft unbequem. Aber um die neuen Anforderungen zu bewältigen, sind wir ja auch auf diverse soziale Kompetenzen angewiesen. Selbst wenn Tätigkeiten digitalisiert werden, bedeutet es nicht, dass weniger kommuniziert werden muss. Die Anforderungen an die Kommunikation steigen dann doch eher.

Für die Freiwilligen ist die Beobachterperspektive, mit etwas Abstand, oft spannend. Wie unterschiedlich gehen hier die Kolleg*innen eigentlich mit den neuen Situationen um – darin versteckt sich auch viel Lernerfahrung. Die Freiwilligen schwimmen aktiv in diesen Veränderungen mit, sind auch impulsgebend und in ihrer verlässlichen Unterstützung gefragt. Wir haben viele Freiwillige die den „alten Hasen“ in ihren Einsatzstellen die Technik beibringen. Da haben einige Freiwillige sich auch spannende neue Tätigkeitsfelder „erobern“ können.

Uns als diakonischer Träger ist die Begleitung sehr wichtig. Für die Erfahrungen, die die Freiwilligen machen, muss auch Raum zur Reflektion bleiben. Das können wir in den Seminaren anbieten, das muss aber auch in der Einsatzstelle gewährleistet sein. Die Pandemie hat bei allen den Stresspegel erhöht. Von den Anleiter*innen in unseren Einrichtungen wird auch selbstkritisch bemerkt, dass die Freiwilligen schneller aus dem Blick geraten. Freiwillige sind, auch wenn sie z.B. im Homeoffice unterstützen, keine Fachkräfte und brauchen selber Unterstützung, Anleitung und Austausch mit den Fachkräften. In der Zeitnot liegt für uns die eigentliche Gefahr. 

Wie wird die technische Ausstattung finanziert, wenn Jugendliche aus einkommensarmen Familien kommen? Nicht jede*r hat eine Vollausstattung mit Notebook und Kamera etc. zu Hause.

Simon-Härtel: Dort, wo Freiwillige in der Einsatzstelle Aufgaben vorübergehend im Homeoffice erledigen, wird in der Regel die technische Ausstattung von der Einsatzstelle gestellt. Die meisten machen aber weiterhin ihren Dienst in der Einsatzstelle. Für die Seminare ist vor allem die Internetgeschwindigkeit eine Herausforderung, z.B. dann, wenn andere Familienmitglieder auch von zuhause arbeiten. Fast alle Freiwilligen nutzen ihre privaten Endgeräte. Bei Problemen bleibt uns nur die Möglichkeit individuell nach Lösungen zu suchen. Die Konferenzsoftware, die wir nutzen integriert Smartphones oder Tablets zum Glück sehr gut. Der Besitz eines Smartphones ist fast schon Standard; und auch durch die Schule gibt es bereits Vorerfahrungen. Bei den „digital natives“ gibt es also gute Voraussetzungen. Wir erleben bei den Jugendlichen sehr große Kreativität in der Suche nach Lösungen: Da werden auch schon mal die Nachbar*innen auf der Suche nach stabilem Internet angesprochen oder verschiedene Geräte miteinander kombiniert. Auch die Einsatzstellen helfen aus, wenn sie können. Es funktioniert besser als erwartet, aber die Online-Seminare bleiben eine Notlösung.

So sieht Homeoffice bei den Mitarbeitenden der Freiwilligendienste aus.

Auch Sie als Referent*innen und Organisator*innen der Freiwilligendienste im Diakonischen Werk mussten schnell reagieren und z.B. auf Videokonferenz umstellen. Wie ist das gelungen?

Simon-Härtel: Es war von Anfang an im Team klar, dass wir so schnell wie möglich wieder Seminare für die Freiwilligen anbieten wollen und dass das nur mit Videokonferenzen möglich sein wird. Wir haben bereits ab April 2020 wieder alle Seminare für die Jugendlichen durchgeführt, nur eben digital. Wir haben unsere Anforderungen schnell und klar formulieren können und daraufhin verschiedene Konferenztools getestet. Die Bedienung der Technik braucht Übung und auch die inhaltliche Gestaltung der Seminare erfordert ganz neue Methoden und ebenfalls spezifische Software. Das hat viel Zeit, Absprachen und Überzeugungskraft gekostet. Mit dem Ergebnis sind wir als Team sehr zufrieden. Inzwischen haben wir auch schon verschiedene Formate digital umsetzen können: Konferenzen, Bewerbungs- und Einsatzstellengespräche oder auch unseren Willkommensgottesdienst. Klar ist für uns aber auch: Wir wollen möglichst bald und viel wieder „offline“ arbeiten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Freiwilligendienste?

Simon-Härtel: Im letzten Frühjahr war für uns noch unklar, wie sich die Pandemie auf das Interesse am Freiwilligendienst auswirkt. Überraschenderweise hatten wir schon lange nicht mehr so viele Bewerbungen und mussten leider sogar einigen Freiwilligen absagen. Den Motivierten gute Gelegenheiten für einen Einsatz in diakonischen Einrichtung zu schaffen – das ist unser Ziel.
Im Dezember 2020 konnten wir gemeinsam mit anderen Trägern und mehr als 350 Freiwlligen in einer Online-Demonstration unsere Anliegen in die Berliner Politik tragen. Ziel: Ein kostenfreies Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr. Alle, die einen Freiwilligendienst machen wollen, sollen es sich auch leisten können. Für die Freiwilligen wünschen wir uns mehr Anerkennung und Unterstützung – finanziell wie beruflich, persönlich wie gesellschaftlich. Denn wer sich ein ganzes Lebensjahr jede Woche bis zu 40 Stunden freiwillig um andere kümmert und für sie sorgt, braucht Absicherung, Begleitung und Perspektive.
Auf der anderen Seite haben wir Einrichtungen in der Diakonie, die spannendere Einsatzstellen nicht sein könnten und sich Unterstützung wünschen. Da scheitert es schlicht an der Finanzierbarkeit. Eine bessere Förderung der Einsatzstellen und insgesamt eine staatliche Unterstützung, wie es sie für den Zivildienst ja auch schon mal gab würde den Freiwilligendiensten gut tun – vor allem wenn sie freiwillig bleiben.

►► Alle Infos zu den Freiwilligendiensten bei der Diakonie:
www.diakonie-portal.de/freiwilligendienste
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Kontakt:
FSJ und BFD beim Diakonischen Werk
Tel.: 030 820 97 414
E-Mail: freiwilligendienste@dwbo.de