Arbeitsplatz Heim - Interview mit einem Erzieher in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe

"Wir arbeiten Hand in Hand und können uns aufeinander verlassen."

Hallo Michael, ich würde gerne mit dir über Deine Arbeit sprechen.
Kannst Du bitte kurz schildern, wo und was Du arbeitest.

Ich arbeite als Erzieher im Luisenstift, das ist eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung in Berlin-Dahlem. Bei uns wohnen Kinder und Jugendliche, die nicht mehr bei Ihren Eltern leben können. Wir betreuen Sie rund-um-die Uhr, das heisst es ist immer jemand da, der ihnen zur Seite steht.

Das heißt also, dass Du in einem Kinderheim arbeitest?

Ja, so kann man das sagen, aber die meisten Menschen stellen sich unter „Kinderheim“ immer noch die Aufbewahrungsstätten aus grauer Vorzeit vor. Daher ist es immer nötig, zu erklären, was ein modernes Heim ist.

Und, was ist ein „modernes“ Heim?

Naja, also in erster Linie sind die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen und auch die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden sehr viel besser. Bei uns zum Beispiel haben die Jugendlichen alle ein eigenes Zimmer und auch ein eigenes Bad, so leben sie zwar in einer Gruppe zusammen, haben aber auch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen bzw. ihre Privatsphäre zu haben.

Was sind Deine Aufgaben als Erzieher in einer Wohngruppe?

Wir sind für alle Dinge des täglichen Lebens zuständig, das beginnt mit dem Wecken morgens, dafür zu sorgen, dass alle pünktlich zur Schule kommen und vorher möglichst auch gefrühstückt haben. Wir organisieren und koordinieren alle Termine bei Ärzten, Ämtern und Therapeuten. Wir helfen bei den Hausaufgaben, treiben Sport mit den Jugendlichen und spielen in großer oder kleiner Runde Brett- und Kartenspiele. Manchmal schauen wir gemeinsam einen Film auf DVD oder gehen auch mal ins Kino. Also eigentlich tun wir alles, was sonst die Eltern tun würden, wir achten darauf, dass alle rechtzeitig ins Bett gehen, um morgens auch fit zu sein. Wir sitzen in der Gruppe zusammen und quatschen oder wir unterhalten uns auch mal alleine. Oft sind wir die ersten Ansprechpartner bei Schulfrust und Liebeskummer, bei alltäglichen Unsicherheiten oder großen Lebensplänen.

Das klingt ja alles ganz nett, aber einfach ist das nicht, oder?

Naja, einfach ist vielleicht das falsche Wort. Es sieht oft einfacher aus, als es ist. Manche Leute denken, dass es ja ein cooler Job sei, jeden Tag Playstation zu zocken, rumzuquatschen, etc. So ist es aber eben nicht, wir sind professionelle Pädagogen und haben einen klaren Auftrag zu erfüllen. Das mag sich für die Jugendlichen manchmal nett anfühlen, weil wir vielleicht manchmal etwas cooler als ihre Eltern sind, aber wir sind hier nicht die größeren Geschwister oder die Kumpel der Jugendlichen. Die Jugendlichen sind in unserer Einrichtung zuhause und wir Pädagogen kommen dort hin um zu arbeiten, das ist schon wichtig, das klar zu haben.

Ist es schwierig, das zu lernen?

Nein und ja! Es ist nicht schwierig, wenn man für sich dessen bewusst ist. Man darf sich und seine Arbeit nicht davon abhängig machen, ob die Jugendlichen einen gerade mögen oder nicht. In dieser Arbeit gibt es immer wieder Situationen, die schwierig sind, aber ich glaube, dass es eine Frage der Haltung ist. Wenn ich alle Äußerungen der Jugendlichen mir gegenüber persönlich nehmen würde, könnte ich diese Arbeit nicht machen. Ich habe gelernt, die Verhaltensweisen der Jugendlichen einzuordnen und pädagogisch/psychologisch erklären zu können. Hier ist es wichtig, dass wir ein gutes Team sind und dass unsere Leitung uns fachlich gut beraten kann.

Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Es gibt natürlich immer Unterschiede der Einrichtungen, aber insgesamt sind die Bedingungen gut. Wir arbeiten im Schichtdienst, so dass ich auch am Wochenende und in den Nächten dran bin, aber unser Team wechselt sich da ab und die Arbeit ist gerecht verteilt. Wir haben sehr geregelte und verlässliche Dienstzeiten und wenn ich meinen Dienstplan habe, kann ich mich gut verabreden oder andere private Termine planen.

Du machst diese Arbeit ja nun schon seit sechs Jahren, was würdest Du Berufsanfängern raten?

Ich würde allen Berufsstartern wünschen, dass sie sich trauen, mit Jugendlichen zu arbeiten. Es ist total spannend den Lebensweg dieser jungen Menschen begleiten und ein Stück weit beeinflussen zu können. Das ist natürlich in der stationären Erziehungshilfe besonders gut möglich. Wir haben ja tatsächlich in einer Zeit mit ihnen zu tun, wo viele Weichenstellungen stattfinden.

Worauf sollte man achten, wenn man in diesem Berufsfeld eine Stelle sucht?

Zunächst sollte mal das Geld stimmen, also es ist schon klar, dass man als Erzieher nicht wirklich reich werden kann, aber das weiß man ja vorher, nur leider gibt es hier einige Unterschiede. Also zuerst Tariflohn, vernünftige Urlaubsregelung und möglichst noch andere brauchbare Rahmenbedingungen (Altersvorsorge, Fortbildung,…). Ich finde, wenn Erzieher schon in diesem Land so relativ gering verdienen, dann müssen die Arbeitsbedingungen es eben rausreißen. Dazu gehört auch eine gute und verlässliche Dienstplangestaltung. Ich persönlich finde es wichtig, möglichst viel Entscheidungsspielraum zu haben und mich mit dem, was ich gut kann und gerne mache, einbringen zu können. Ich kann auch die Schwerpunkte in der Arbeit umfassend mitbestimmen. Das alles steht und fällt natürlich mit einem guten Team. Wir sind bei uns mit vier Personen für eine Gruppe zuständig und verantwortlich. Wir arbeiten Hand in Hand und können uns aufeinander verlassen. Dafür ist es wichtig, regelmäßig im Austausch zu sein und gute Beratung zu haben.
Mir gefällt auch, in einer kleineren überschaubaren Einrichtung zu arbeiten, wir kennen uns alle. Andererseits hat man bei größeren Trägern natürlich eher mal die Möglichkeit, das Team zu wechseln oder andere Arbeitsfelder kennenzulernen.

Kann man auch als Berufsanfänger diese Arbeit machen?

Ja klar, es ist aber sehr hilfreich, wenn man das große Praktikum in der Ausbildung in einer Einrichtung mit Jugendlichen gemacht hat. So ganz ohne Ahnung wie Jugendliche so ticken wird es schwierig. Alles andere kann man lernen und mit einem guten Team klappt das dann auch gut.

Vielen Dank, dass Du meine Fragen beantwortet hast, gibt es noch etwas was Du noch loswerden möchtest?

Danke auch, es hat mir Spaß gemacht und ja mir fällt noch was ein: Ich würde mir wünschen, dass sich mehr junge Männer für diese Arbeit interessieren und sich bei uns bewerben.

Das Interview wurde geführt von Birgit Labes (Luisenstift-Berlin - Evangelische Kinder- und Jugendhilfe)

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