Berliner Behandlungszentrum für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung feiert heute sein 10jähriges Bestehen
Menschen mit geistiger Behinderung leiden häufiger als die Normalbevölkerung an psychischen und somatischen Erkrankungen – oft unerkannt und medizinisch nicht behandelt.
Bei den Patienten, die sich häufig nur eingeschränkt oder gar nicht verbal äußern können, sind dabei die Symptome häufig unspezifisch und mehrdeutig. Unbehandelt verstärken diese Erkrankungen selbstverletzendes, stereotypes oder aggressives Fehlverhalten. Seit dem Jahr 2000 bietet das Behandlungszentrum für psychisch kranke Menschen mit geistiger Behinderung (BHZ) auf dem Gelände des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge (KEH) diesen Patienten eine qualifizierte Versorgung. Am Freitag, dem 3. September 2010, feiert es sein zehnjähriges Bestehen
Versorgungsauftrag für ganz Berlin
Am Ende des hellen Ganges in Haus 9 des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge in Berlin-Lichtenberg liegt der Gemeinschaftsraum. Vor der Tür sitzen zwei Männer und warten. Es ist Montag, der Tag, an dem die wöchentliche Visite mit allen Professionen stattfindet. Im Raum beraten Oberarzt, Psychotherapeutin, Pflege-Stationsleiterin, Stationsärztin und Sozialarbeiter über den Stand der Therapie. Anders als bei einer Visite auf somatischen Krankenhausstationen suchen die behandelnden Therapeuten nicht das Bett der Patienten auf, sondern sie erfolgt im gemeinsamen Gespräch. Ein Beobachtungsbogen, der unterschiedliche Verhaltensmodi dokumentiert, zeigt die Entwicklung des Patienten bei der Therapie auf. Patienten werden begutachtet bzgl. Ihrer Medikation, eventueller Probleme, ihre Interaktion im sozialen Umfeld. Bei dem nächsten Patienten hat aggressives Verhalten zu Störungen geführt. Er soll etwas ruhiger werden; neben der Medikation, die er wegen seiner Hyperaktivität erhält, werden zusätzliche Therapiemöglichkeiten beraten.
„Ich bin der Bundeskanzler“, ruft der junge Mann als er hereinkommt und reicht allen in der Runde die Hand. Ein kurzes Gespräch behandelt seine verstärkte Unruhe, die zu Problemen auf der Station geführt hat. „Der andere im Zimmer schnarcht so laut“, gibt er als Grund an. Deshalb könne er nicht schlafen. In einfachen Worten werden die nächsten Behandlungsschritte abgesprochen und kleine Ratschläge gegeben. Dann verlässt der junge Mann den Raum.
„Das Behandlungszentrum hat einen Versorgungsauftrag für ganz Berlin“, erläutert Oberarzt Dr. Christoph Schade. „Unsere Patienten kommen nach Voranmeldung oder durch Zuweisung zu uns. Die ambulanten Einrichtungen und Wohngemeinschaften kennen das BHZ und auch die Krankenhäuser, aus denen Patienten als Notfälle überwiesen werden.“ Vor zehn Jahren hatte der Berliner Senat den Vollversorgungsauftrag zur psychiatrischen Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung im Land Berlin erteilt. Durch die Eröffnung der Psychiatrischen Institutsambulanz im Jahr 2005 wurde der Bekanntheitsgrad höher, so dass inzwischen sogar Patienten aus Brandenburg und anderen Bundesländern zur Behandlung angemeldet werden.
Umfassendes Therapieangebot
Während die Visite vorangeht, sprechen im Stationszimmer Stationsleiter Uwe Bergander und Heilpädagoge Christian Feuerherd die nächsten Aufgaben durch. Nach dem täglichen Pflege- Briefing am Morgen sind die Aufgaben den entsprechenden Mitarbeitern zugeordnet worden. „Der Tagesablauf ist streng strukturiert, um den Fortgang der Behandlungserfolge messen zu können“, sagt Christian Feuerherd. „Während die Pflegekräfte organisatorische und pflegerische Tätigkeiten wie z.B. Blutentnahme, Medikation u.a. abdecken, werden die sozialpädagogischen Aufgaben im BHZ von Heilerziehungspflegern und -pädagogen übernommen.“ Um die Therapieziele zuerreichen, ist ein hohes Maß an Einzelzuwendung nötig.
„Niemand ist umsonst hier“, fügt Uwe Bergander hinzu. „Verhaltensauffälligkeiten und Störungen werden diagnostiziert und behandelt.“ Psychische Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung erfordern eine umfassende Diagnostik sowie ein spezifisches Therapie- und Behandlungsangebot. Neben der klinisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung stehen heiltherapeutische Betreuungs- und Förderangebote für diese Patienten zur Verfügung.
„Unser Therapieangebot umfasst – neben der Pharmakotherapie – heilpädagogische Einzel- und Gruppenarbeit, verhaltens- und störungsspezifische therapeutische Verfahren, soziales Kompetenztraining, körperorientierte Entspannungsverfahren, Ergo-, Kunst- und Musiktherapie, Belastungstraining und Außenaktivitäten im Tagesförderbereich sowie verschiedene Methoden zur Verbesserung der sensitiven Wahrnehmung und Entspannung wie im Snoezelen-Raum.“
Sensibilisierung und Aufklärung sind nötig
Der nächste Patient in der Visite ist etwa 40 Jahre alt und lebt seit Jahren in einer geschlossenen
Wohneinrichtung. Er zeigt Weglauftendenzen mit massiver Eigengefährdung als Folge. Eine Hepatitis muss behandelt werden, die er nach dem letzten Weglaufen mitgebracht hat, und es wird überlegt, ob er beim Einkaufen mitgehen könnte.
„Die somatische Abklärung vor Beginn der Behandlung ist besonders wichtig“, sagt Dr. Schade, als der Mann gegangen ist. „Vielfach sind Krankheiten die Ursache von Verhaltensauffälligkeiten. Das häufige Schlagen ans Ohr kann auf eine Mittelohrentzündung hinweisen. Rheuma, Magenprobleme, Frakturen, Zahnschmerzen – das sind nur einige der somatischen Probleme, die mitbehandelt werden müssen. Körperliche Erkrankungen werden in enger konsiliarischer Zusammenarbeit mit den jeweiligen Abteilungen unseres Hauses behandelt.“ Der Grad der Aufklärung ist diesbezüglich verbesserungsbedürftig. Die Auffälligkeiten werden häufig der Behinderung zugeordnet. Wahnvorstellungen oder Aggressionen sind aber keine Kennzeichen einer Behinderung.“
„Seit einiger Zeit lässt sich eine Sensibilisierung erkennen“, fügt Sozialarbeiter Michael Böhm hinzu. „Es wird erkannt, dass psychische Krankheitssymptome neben der Behinderung vorhanden sind, und die Behandlung wird nicht erst dann aufgenommen, wenn die Symptome zu stark werden.“ Es gibt aber noch zu wenig Biografiearbeit. Häufig wird nicht genug über die Genese der Patienten gewusst, über seine Herkunft, sein Umfeld, die Krankheitsverläufe. Die ambulanten Einrichtungen haben erst damit angefangen. Auch die Zusammenhänge von Biografie und somatischen Problemen sind kaum bekannt.
Ganzheitlicher sozialpsychiatrischer Ansatz
Am 1. Juli 2010 ist das Behandlungszentrum für psychisch kranke Menschen mit geistiger Behinderung zehn Jahre alt geworden. In seinem vollstationären Bereich, bestehend aus zwei Stationen mit 32 Betten hat es im Jahr 2009 378 Patienten versorgt. Es wurde Wert darauf gelegt, dass die Überweisungen immer durch einen Nervenarzt, Neurologen oder Psychiater erfolgten, damit die Patienten nach der Behandlung im BHZ wieder zu den ihnen vertrauten Behandlern zurückkehren können. Entsprechend dem ganzheitlichen Behandlungskonzept wird die Therapie interdisziplinär erarbeitet und durch gezielte Verhaltensbeobachtung ständig überprüft. Ein erfahrenes und hochspezialisiertes multiprofessionelles Team nutzt dabei modernste Diagnostikund Therapieverfahren.
„Aus unserer klinischen Erfahrung haben wir die Überzeugung gewonnen, dass es gerade psychotherapeutische Verfahren sind, die bei psychisch kranken Menschen mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten zum Einsatz kommen sollten“, sagt Prof. Dr. Albert Diefenbacher, Chefarzt der Abteilung. „Leider spielt der Einsatz von Medikamenten auch im ärztlich-psychotherapeutischen Bereich immer noch eine zu große Rolle. Deshalb sind wir bestrebt, durch Kursveranstaltungen und Publikationen, Teilnahme an Konferenzen und Kongressen sowie im Zusammenwirken mit unseren Kooperationspartnern – Kenntnis und Sensibilisierung zu erhöhen.“ Gerade bei Menschen mit geistiger Behinderung gibt es immer noch vielfältige Vorurteile hinsichtlich der Möglichkeiten von Integration. Deshalb engagieren sich Vertreter des BHZ auch berufspolitisch in Fachgesellschaften und Arbeitskreisen.
„Die weitere Entwicklung des Behandlungszentrums wird darauf abzielen, den beschrittenen Weg weiterzugehen, insbesondere bei der Entwicklung störungsspezifischer, modifizierter Psychotherapieformen“, fährt er fort. „Darüber hinaus soll die Kooperation des BHZ mit dem gerontopsychiatrischen Bereich intensiviert werden.“
Zehn Jahre Behandlungszentrum Festakt am Freitag, dem 3. September 2010, 10 Uhr
im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (Haus 22, Festsaal, 1. Obergeschoß)


